Recht · Mensch-Roboter-Kollaboration
Mensch-Roboter-Kollaboration mit Humanoiden.ISO/TS 15066 und die neue ISO 10218-2.
Die Anforderungen an Mensch-Roboter-Kollaboration standen bisher in der Technischen Spezifikation ISO/TS 15066:2016. Mit der Ausgabe 2025 der Normenreihe ISO 10218 wurden sie weitgehend in ISO 10218-2:2025 übernommen, einschließlich Grenzwerten für Druck und Kraft bei Kontakt. ISO/TS 15066:2016 ist im ISO-Katalog weiter gelistet, ein Folgeprojekt ISO 15066-1 ist angelegt. Für humanoide Roboter gelten die Kontaktgrenzwerte für Arme und Hände. Für einen stürzenden Roboter mit seiner ganzen Masse sind sie nicht gedacht. Allgemeine Information, keine Rechtsberatung, Stand Oktober 2026.
Kurz beantwortet · Stand Oktober 2026
01 Normstand
ISO/TS 15066 und ISO 10218-2:2025: wo die Anforderungen heute stehen.
ISO/TS 15066 erschien im Februar 2016 als Technische Spezifikation zu kollaborierenden Robotern. Sie war über Jahre der Bezugspunkt für Kraft- und Druckgrenzwerte bei Kontakt zwischen Mensch und Roboter.
Die Einleitung von ISO 10218-1:2025 sagt ausdrücklich, dass die meisten Anforderungen der ISO/TS 15066 in ISO 10218-2:2025 aufgenommen wurden. Der Grund steht dort auch: Kollaboration betrifft die Anwendung und nicht den Roboter allein.
ISO/TS 15066:2016 ist im ISO-Katalog weiter aufgeführt. Unter der Nummer ISO 15066-1 läuft ein neues Projekt zur kollaborativen Sicherheit in einem frühen Stadium. Für neue Projekte in Ihrem Werk ist ISO 10218-2:2025 der aktuelle Bezugspunkt. Die europäische Fassung ist nach Angaben der IBF seit September 2026 als harmonisierte Norm zur Maschinenrichtlinie gelistet.
02 Arten
Vier Arten der Kollaboration und was sie für Humanoide bedeuten.
| Art | Prinzip | Eignung beim Humanoiden |
|---|---|---|
| Sicherheitsbewerteter überwachter Halt | Roboter hält an, sobald eine Person den Kollaborationsraum betritt | Gut geeignet für Übergabestationen, braucht sichere Personenerkennung |
| Handführung | Person führt den Roboter direkt mit einer Eingabeeinrichtung | Selten sinnvoll, Humanoide werden meist per Teleoperation oder Training angelernt |
| Geschwindigkeits- und Abstandsüberwachung | Roboter verlangsamt oder stoppt abhängig vom Abstand zur Person | Wichtig für Humanoide auf gemeinsamen Gängen, Sensorik muss sicherheitsbewertet sein |
| Leistungs- und Kraftbegrenzung | Kontakt ist erlaubt, Kräfte und Drücke bleiben unter Grenzwerten | Für Arme und Hände anwendbar, nicht für Sturz des ganzen Körpers |
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03 Grenzen
Kollaboration mit Humanoiden: was die Norm nicht abdeckt.
Die Grenzwerte für Kraft und Druck wurden für Kontakte mit einem Roboterarm entwickelt. Ein Humanoide hat zusätzlich Beine, einen Rumpf und eine Masse, die je nach Modell im Bereich eines Erwachsenen liegt. Kippt er, wirken andere Kräfte als bei einem Armkontakt.
ISO 10218-1:2025 schließt die Mobilität aus, wenn der Roboter Teil einer mobilen Plattform ist. Für Gehen und Balance arbeitet ISO/TC 299 am Projekt ISO 25785-1. Bis dahin muss die Risikobeurteilung den Sturz eigenständig betrachten.
Praktisch bedeutet das: Kontaktbasierte Kollaboration mit einem Humanoiden ist heute nur für eng begrenzte Aufgaben realistisch. Häufiger ist ein Konzept mit Abstandsüberwachung und getrennten Bereichen, in denen Menschen und Humanoide zeitlich versetzt arbeiten.
Ein weiterer Punkt ist die Vorhersagbarkeit. Bei einem fest montierten Arm kennt die Belegschaft den Arbeitsraum. Ein Humanoide bewegt sich durch die Halle und wählt Wege teils selbst. Die Maschinenverordnung (EU) 2023/1230 verlangt in Anhang III Nr. 1.1.6 für Maschinen, die mit Menschen interagieren,, dass sie ihre geplanten Aktionen verständlich anzeigen. In der Praxis helfen Lichtsignale, Bodenprojektionen und klar markierte Fahrwege. Für Betriebsrat und Fachkraft für Arbeitssicherheit ist diese Erkennbarkeit oft wichtiger als jeder Grenzwert, denn sie entscheidet, ob Beschäftigte dem Roboter im Alltag vertrauen.
04 Vorgehen
Kollaborierende Anwendung planen: so gehen große Werke vor.
Aufgabe festlegen
Welche Tätigkeit teilen Mensch und Humanoide, und ist überhaupt Kontakt nötig? Oft genügt eine Übergabe ohne Berührung.
Kollaborationsart wählen
Überwachter Halt, Abstandsüberwachung oder Kraftbegrenzung, abhängig von Taktzeit und Gefährdung.
Kontaktsituationen bewerten
Körperregionen, Kräfte und Drücke nach ISO 10218-2:2025 bestimmen. Messungen nach dem Verfahren der DGUV und des IFA einplanen.
Herstellerangaben prüfen
Welche Sicherheitsfunktionen bietet der Humanoide, mit welchem Performance Level oder SIL? Bei der Vermittlung fordert PhoenixOne dafür Konformitätserklärung, Betriebsanleitung und Risikobeurteilung des Herstellers an und lässt sie prüfen, ohne Rechtsberatung zu leisten.
Validieren und dokumentieren
Messprotokolle, Gefährdungsbeurteilung und Unterweisung je Standort ablegen. In Konzernen gilt dafür am besten eine einheitliche Vorlage.
05 DGUV
Hilfen der Unfallversicherung für kollaborierende Anwendungen.
Die DGUV hat mit der Information FBHM-080 „Kollaborierende Robotersysteme“ eine Planungshilfe für Anwendungen mit Leistungs- und Kraftbegrenzung veröffentlicht. Das Institut für Arbeitsschutz der DGUV beschreibt Prüftechnik zur Messung von Kräften und Drücken. Beide Unterlagen entstanden mit Blick auf Roboterarme. Für Humanoide sind sie ein Ausgangspunkt, keine fertige Lösung.
Für Konzerne mit Werken in mehreren Ländern ist zu beachten, dass Messverfahren und Prüfprotokolle je Standort gleich sein sollten. Sonst lassen sich Ergebnisse zwischen Werken nicht vergleichen, und jede Konzernfreigabe wird zur Einzelfallprüfung.
06 Fragen
Häufige Fragen kurz beantwortet.
Ist ISO/TS 15066 noch gültig?
ISO/TS 15066:2016 ist im ISO-Katalog weiter aufgeführt. Inhaltlich wurden die meisten Anforderungen aber in ISO 10218-2:2025 übernommen, wie die Einleitung von ISO 10218-1:2025 festhält. Für neue Anwendungen ist ISO 10218-2:2025 der aktuelle Bezugspunkt. Ein Folgeprojekt ISO 15066-1 ist bei ISO angelegt.
Dürfen Menschen direkt neben einem humanoiden Roboter arbeiten?
Ja, wenn die Gefährdungsbeurteilung das zulässt und die Schutzmaßnahmen wirken. Häufig nutzen Werke eine sicherheitsbewertete Abstandsüberwachung, die den Humanoiden verlangsamt oder stoppt. Direkter Kontakt ist nur bei Kraftbegrenzung und für eng begrenzte Aufgaben realistisch. Der mögliche Sturz des Roboters muss gesondert betrachtet werden.
Welche Grenzwerte gelten bei Kontakt mit einem Roboter?
Grenzwerte für Kraft und Druck je Körperregion stehen heute in ISO 10218-2:2025, übernommen aus ISO/TS 15066. Sie gelten für kollaborierende Anwendungen mit Leistungs- und Kraftbegrenzung. Gemessen wird nach festgelegten Verfahren, die auch das Institut für Arbeitsschutz der DGUV beschreibt. Für den Sturz eines ganzen Humanoiden sind diese Werte nicht gedacht.
Ist ein humanoider Roboter automatisch ein Cobot?
Nein. ISO 10218-1:2025 verwendet den Begriff kollaborierender Roboter nicht mehr. Nur eine Anwendung kann kollaborierend sein. Ob ein Humanoide in Ihrer Halle kollaborierend arbeiten darf, hängt von Aufgabe, Sicherheitsfunktionen und Gefährdungsbeurteilung ab, nicht von Werbeaussagen des Herstellers. Lassen Sie sich die Sicherheitsfunktionen schriftlich bestätigen.
Was ist besser für Kollaboration, Humanoide oder Cobot-Arm?
Für eine feste Station mit Kontakt ist ein Roboterarm in einer kollaborierenden Anwendung meist die sicherere und günstigere Wahl. Er ist vollständig von ISO 10218 erfasst. Ein Humanoide lohnt sich, wenn er wechselnde Stationen bedienen oder Arbeitsplätze ohne Umbau nutzen soll. Dann sind getrennte Bereiche oft sinnvoller als Kontakt.
Quellen · Stand Oktober 2026
- ISO/TS 15066:2016, Robots and robotic devices, Collaborative robots
- ISO/AWI 15066-1, Collaborative safety (Projekt)
- ISO 10218-2:2025
- ISO 10218-1:2025, Leseprobe mit Einleitung zur Übernahme der ISO/TS 15066
- IBF: EN ISO 10218-1 und -2 harmonisiert (Durchführungsbeschluss (EU) 2026/2015)
- DGUV Information FBHM-080 Kollaborierende Robotersysteme
- IFA Fachinfos: Kollaborierende Roboter, Prüftechnik
- ISO/CD 25785-1
- Verordnung (EU) 2023/1230, Anhang III Nr. 1.1.6 (Ergonomie, Mensch-Maschine-Interaktion)
Allgemeine Information, keine Rechts-, Steuer- oder Zollberatung. Maßgeblich sind die jeweiligen Rechtstexte und Bescheide.
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